Behandlung durch einen Zahnarzt auf der Grundlage einer Außenseitermethode

 

 

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat entschieden (BGH, Urt. v. 30.05.2017 - VI ZR 203/16, MDR 2017, 997 = NJW 2017, 2685):

1. Die Entscheidung des Arztes für die Wahl einer nicht allgemein anerkannten Behandlungsmethode (hier: ganzheitliche Zahnmedizin) setzt eine sorgfältige und gewissenhafte medizinische Abwägung von Vor- und Nachteilen unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalles und des Wohls des konkreten Patienten voraus.

2. Bei dieser Abwägung dürfen auch die Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten der Schulmedizin nicht aus dem Blick verloren werden.

3. Je schwerer und radikaler der Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Patienten ist, desto höher sind die Anforderungen an die medizinische Vertretbarkeit der gewählten Behandlungsmethode.

Ergänzende Hinweise

Die Klägerin (Patientin) macht gegen den Beklagten (Zahnarzt) Schadensersatzansprüche sowie Schmerzensgeld aus fehlerhafter zahnärztlicher Behandlung geltend. Das Oberlandesgericht (OLG) als Vorinstanz hatte der Klägerin 12.000,00 EUR Schmerzensgeld zuerkannt. Der BGH hat das Urteil des OLG aufgehoben und die Sache zurückverwiesen. Der BGH weist in seiner Entscheidung darauf hin, dass die Anwendung von nicht allgemein anerkannten Therapieformen rechtlich grundsätzlich erlaubt sei. Entscheidend sei, dass jeder Patient, bei dem eine von der Schulmedizin nicht oder noch nicht anerkannte Methode angewendet werde, innerhalb bestimmter rechtlicher Grenzen eigenverantwortlich entscheiden könne, welchen Behandlungen er sich unterziehen will. Allein der Umstand, dass die Heilbehandlung den Bereich der Schulmedizin verlassen habe, lasse nicht von vornherein auf einen Behandlungsfehler schließen.

Nach den Feststellungen des OLG hatte die radikale zahnärztliche Behandlung des Beklagten bei der Klägerin zu schwerwiegenden, irreversiblen Gesundheitsschäden geführt. Die Klägerin beklagt den Verlust bzw. Teilverlust der Kau-, Gebiss- und Implantatfähigkeit, nachdem ihr durch den Beklagten vier Zähne im Oberkiefer entfernet worden waren und der Kieferknochen gründlich ausgefräst worden sei.

Der BGH rügt u.a., dass das OLG die verantwortliche medizinische Abwägung von Vor- und Nachteilen auf der Grundlage des Gutachtens eines Sachverständigen beurteilt habe, der nicht über die erforderliche umfassende Sachkunde verfügt habe. Das Berufungsgericht hätte nach Einschätzung des BGH einen auch mit der ganzheitlichen Zahnmedizin in Theorie und Praxis vertrauten Sachverständigen beauftragen müssen. Hierfür hätte umso mehr Veranlassung bestanden, weil der gerichtlich bestellte Sachverständige offengelegt hatte, sich selbst nicht ausführlich mit der Alternativmedizin befasst zu haben und zudem auf zwei ihm geeignet erscheinende Sachverständige benannt hatte.

(Veröffentlichungsdatum: 14.10.2017)

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