Praxisverkauf 2026: Due Diligence bei Arzt- und Zahnarztpraxen
Praxis kaufen oder verkaufen? Die 5 häufigsten Fehler bei der Due Diligence von Arztpraxen, Zahnarztpraxen, Apotheken und MVZ im Jahr 2026
Die rechtlichen Risiken werden häufig unterschätzt
Der Kauf oder Verkauf einer Arztpraxis, Zahnarztpraxis, Apotheke oder eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) gehört zu den wirtschaftlich bedeutendsten Entscheidungen im Berufsleben eines Heilberuflers. Während sich viele Beteiligte auf Kaufpreis, Umsatzentwicklung, Patientenstamm und Finanzierung konzentrieren, geraten rechtliche Risiken häufig erst dann in den Fokus, wenn bereits erhebliche Probleme entstanden sind.
Dabei hat sich die Praxislandschaft in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Die zunehmende Regulierung des Gesundheitswesens, strengere Anforderungen im Vertragsarztrecht, verschärfte Prüfungen durch Kassenärztliche Vereinigungen und Kostenträger sowie neue Transparenzanforderungen bei MVZ-Strukturen führen dazu, dass eine sorgfältige Due Diligence heute wichtiger ist als je zuvor.
Banken, Investoren, Steuerberater und spezialisierte Rechtsanwälte prüfen Praxisübernahmen inzwischen deutlich intensiver als noch vor wenigen Jahren. Nicht selten führen bislang unerkannte Risiken zu Kaufpreisminderungen, umfangreichen Garantiekatalogen, Nachverhandlungen oder sogar zum Scheitern der gesamten Transaktion.
Wer eine Praxis kaufen oder verkaufen möchte, sollte deshalb frühzeitig die typischen Fehler kennen.
Was bedeutet Due Diligence bei einer Praxisübernahme?
Unter einer Due Diligence versteht man die systematische Prüfung eines Unternehmens oder einer Praxis vor Abschluss eines Kaufvertrages.
Ziel ist es, sämtliche wirtschaftlichen, rechtlichen, steuerlichen und organisatorischen Risiken zu identifizieren und zu bewerten.
Im Gesundheitswesen reicht die klassische Analyse von Bilanzen und Gewinnermittlungen längst nicht mehr aus. Vielmehr müssen insbesondere arbeitsrechtliche, vertragsarztrechtliche, gesellschaftsrechtliche und regulatorische Risiken berücksichtigt werden.
Je früher mögliche Schwachstellen erkannt werden, desto besser können diese vor Vertragsabschluss beseitigt oder im Kaufvertrag angemessen berücksichtigt werden.
Fehler Nr. 1: Arbeitsverträge werden nicht oder nur oberflächlich geprüft
Einer der häufigsten Fehler bei Praxisübernahmen besteht darin, die Arbeitsverhältnisse lediglich anhand einer Mitarbeiterliste zu bewerten.
In der Praxis zeigt sich regelmäßig, dass Arbeitsverträge über Jahre oder sogar Jahrzehnte nicht aktualisiert wurden. Viele Vertragsmuster stammen noch aus Zeiten vor der Einführung des Mindestlohns, der DSGVO oder aktueller Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts.
Besondere Risiken bestehen beispielsweise bei:
- unwirksamen Befristungen,
- pauschalen Überstundenregelungen,
- fehlerhaften Ausschlussfristen,
- unzulässigen Vertragsstrafen,
- offenen Urlaubsansprüchen,
- nicht dokumentierten Arbeitszeiten,
- Scheinselbstständigkeitsrisiken,
- Datenschutzverstößen,
- variablen Vergütungsmodellen
- fehlende Rentenklauseln.
Gerade in größeren Arztpraxen, Apotheken oder MVZ können sich hier erhebliche finanzielle Verpflichtungen verbergen, die in der Gewinn- und Verlustrechnung nicht sichtbar sind.
Besonders kritisch sind langjährige Arbeitnehmer mit hohen Kündigungsschutzpositionen, offene Bonusansprüche oder bislang nicht erkannte Nachzahlungsrisiken bei Überstunden.
Käufer sollten deshalb sämtliche Arbeitsverträge, Nachträge, Betriebsvereinbarungen sowie Personalakten prüfen oder prüfen lassen.
Verkäufer profitieren umgekehrt davon, solche Risiken bereits vor dem Verkaufsprozess zu identifizieren und zu bereinigen. Dadurch lassen sich spätere Kaufpreisdiskussionen häufig vermeiden.
Fehler Nr. 2: Weiterbildungsförderungen und Assistenten werden nicht ausreichend hinterfragt
Die Förderung von Weiterbildungsassistenten und Vorbereitungsassistenten hat in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen.
Gleichzeitig steigt die Zahl der Prüfungen und Rückfragen durch Förderstellen, Kassenärztliche Vereinigungen und Kostenträger.
Viele Käufer verlassen sich darauf, dass die bislang gewährten Förderungen rechtmäßig erfolgt sind. Diese Annahme ist gefährlich.
Im Rahmen einer Due Diligence sollten insbesondere folgende Fragen geklärt werden:
- Wurden sämtliche Fördervoraussetzungen eingehalten?
- War der Weiterbilder tatsächlich ausreichend anwesend?
- Wurde die Weiterbildung ordnungsgemäß dokumentiert?
- Entsprach der tatsächliche Einsatz den Fördervorgaben?
- Wurden Fördermittel korrekt beantragt und verwendet?
- Bestehen Rückforderungsrisiken?
Besonders problematisch sind Konstellationen, in denen Assistenten faktisch eigenständig tätig waren oder überwiegend an anderen Standorten eingesetzt wurden.
Derartige Sachverhalte können nicht nur Fördermittelrückforderungen auslösen. Je nach Einzelfall kommen auch Honorarberichtigungen oder berufsrechtliche Fragestellungen in Betracht.
Für Käufer stellt dies ein erhebliches wirtschaftliches Risiko dar.
Fehler Nr. 3: Zulassungsrechtliche Risiken bleiben unentdeckt
Während Umsätze und Gewinnzahlen regelmäßig intensiv geprüft werden, erfolgt die Analyse der vertragsarztrechtlichen Situation häufig nur oberflächlich.
Dabei können gerade hier Risiken verborgen sein, die den wirtschaftlichen Wert einer Praxis erheblich beeinflussen.
Zu prüfen sind insbesondere:
- Zulassungen,
- Anstellungsgenehmigungen,
- Sonderbedarfszulassungen,
- Ermächtigungen,
- Zweigpraxen,
- Genehmigungen nach Strahlenschutzrecht,
- Genehmigungen für besondere Untersuchungs- und Behandlungsmethoden,
- laufende Verfahren bei Zulassungsausschüssen,
- anhängige Widerspruchs- oder Gerichtsverfahren.
Ein häufiger Fehler besteht darin, anzunehmen, dass einmal erteilte Genehmigungen dauerhaft und uneingeschränkt fortbestehen.
Tatsächlich sind viele Genehmigungen an bestimmte Voraussetzungen geknüpft. Werden diese nicht erfüllt, können Einschränkungen oder sogar Widerrufe drohen.
Gerade bei radiologischen Praxen, Laboren, Dialysezentren oder spezialisierten Facharztpraxen sollte eine detaillierte Analyse erfolgen.
Auch bei Praxisübernahmen durch MVZ oder im Rahmen von Umstrukturierungen können zulassungsrechtliche Besonderheiten erhebliche Auswirkungen auf den Wert der Praxis haben.
Fehler Nr. 4: Gesellschaftsrechtliche Strukturen werden unterschätzt
Viele Praxisinhaber gehen davon aus, dass ein bestehender Gesellschaftsvertrag automatisch den aktuellen rechtlichen Anforderungen entspricht.
Diese Annahme ist häufig falsch.
Insbesondere bei Berufsausübungsgemeinschaften, Gemeinschaftspraxen, MVZ-Gesellschaften und Apotheken finden sich regelmäßig Verträge, die über Jahre nicht angepasst wurden.
Typische Problembereiche sind:
- unklare Nachfolgeregelungen,
- fehlerhafte Abfindungsklauseln,
- unwirksame Wettbewerbsverbote,
- ungeklärte Stimmrechtsverhältnisse,
- fehlende Regelungen zum Ausscheiden von Gesellschaftern,
- unzureichende Konfliktlösungsmechanismen,
- mangelhafte Regelungen zur Gewinnverteilung.
Solche Schwachstellen bleiben im laufenden Betrieb häufig unbemerkt.
Bei einer Praxisübernahme treten sie jedoch regelmäßig zutage und können erhebliche wirtschaftliche Folgen haben.
Nicht selten verlangen Käufer deshalb umfangreiche Garantien oder Kaufpreisanpassungen.
Eine rechtzeitige Überprüfung und Aktualisierung gesellschaftsrechtlicher Strukturen erhöht daher regelmäßig die Transaktionssicherheit.
Fehler Nr. 5: Die zunehmende Regulierung von MVZ wird ignoriert
Ein besonders dynamischer Bereich betrifft Medizinische Versorgungszentren.
Der Gesetzgeber arbeitet seit Jahren an einer stärkeren Regulierung und Transparenz von MVZ-Strukturen. Die aktuellen Reformüberlegungen zeigen deutlich, dass Eigentümerstrukturen, Trägergesellschaften und wirtschaftliche Einflussmöglichkeiten künftig noch stärker in den Fokus geraten werden.
Für Käufer und Verkäufer bedeutet dies, dass bereits heute geprüft werden sollte:
- Wer ist tatsächlicher Träger des MVZ?
- Wer sind die wirtschaftlich Berechtigten?
- Bestehen gesellschaftsrechtliche Abhängigkeiten?
- Sind sämtliche Zulassungsvoraussetzungen dauerhaft erfüllt?
- Gibt es Risiken im Zusammenhang mit Investorenstrukturen?
- Entsprechen die Organisationsstrukturen den aktuellen regulatorischen Anforderungen?
Insbesondere bei investorengetragenen MVZ kann die zukünftige Gesetzgebung erheblichen Einfluss auf die wirtschaftliche Bewertung haben.
Wer diese Entwicklungen ignoriert, läuft Gefahr, erhebliche Risiken zu übersehen.
Warum Banken heute deutlich genauer prüfen
Auch finanzierende Banken haben ihre Anforderungen in den vergangenen Jahren deutlich erhöht.
Während früher häufig die wirtschaftliche Entwicklung der Praxis im Vordergrund stand, werden heute zunehmend rechtliche und regulatorische Risiken berücksichtigt.
Banken verlangen regelmäßig:
- aktuelle Arbeitsverträge,
- Mietverträge,
- Gesellschaftsverträge,
- Zulassungsunterlagen,
- Nachweise über Förderungen,
- Informationen zu anhängigen Verfahren,
- Angaben zur Personalstruktur.
Wer diese Unterlagen nicht kurzfristig bereitstellen kann, riskiert Verzögerungen im Finanzierungsprozess.
Gerade in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten achten Kreditinstitute verstärkt auf potenzielle Risiken außerhalb der klassischen Bilanzkennzahlen.
Warum Verkäufer von einer eigenen Due Diligence profitieren
Viele Praxisinhaber gehen davon aus, dass ausschließlich der Käufer eine Due Diligence benötigt.
Tatsächlich kann auch eine sogenannte Vendor Due Diligence erhebliche Vorteile bieten.
Wer bereits vor Beginn des Verkaufsprozesses mögliche Schwachstellen identifiziert, kann diese gezielt beheben und dadurch:
- die Transaktionssicherheit erhöhen,
- Kaufpreisabschläge vermeiden,
- Verhandlungen beschleunigen,
- Haftungsrisiken reduzieren,
- Vertrauen bei Banken und Käufern schaffen.
Insbesondere bei größeren Praxen, Gemeinschaftspraxen, MVZ und Apotheken empfiehlt sich eine frühzeitige Vorbereitung.
Fazit: Der Kaufpreis ist längst nicht mehr das größte Risiko
Der erfolgreiche Praxisverkauf des Jahres 2026 entscheidet sich nicht allein über Umsatz, Gewinn oder Patientenstamm.
Die eigentlichen Risiken liegen häufig in Bereichen, die auf den ersten Blick unsichtbar erscheinen:
Arbeitsrecht, Zulassungsrecht, Gesellschaftsrecht, Fördermittelrecht und regulatorische Anforderungen.
Wer eine Praxis kaufen oder verkaufen möchte, sollte deshalb frühzeitig eine umfassende Due Diligence durchführen lassen.
Eine sorgfältige Prüfung schützt nicht nur vor unangenehmen Überraschungen nach Vertragsabschluss. Sie schafft Transparenz, verbessert die Verhandlungsposition und trägt entscheidend zum wirtschaftlichen Erfolg der Transaktion bei.
Gerade im Gesundheitswesen gilt heute mehr denn je: Wer Risiken frühzeitig erkennt, kann Chancen besser nutzen.
Es wird fachkundige Unterstützung von spezialisierten Anwälten dringend angeraten.
Wir helfen Ihnen gerne – bundesweit!

